Vor fast genau einem halben Jahr habe ich mich als Texter selbstständig gemacht. Ein gruseliges Unterfangen – ich bin halt keine 20 mehr und habe nicht nur mich, sondern auch meine Familie zu versorgen. Wahrscheinlich ist genau aus diesem Grund meine Risiko-Aversion heute deutlich ausgeprägter als noch vor zehn Jahren.

Vor ein paar Tagen hat mich dann eine Erkenntnis getroffen. Zugegeben, die ist jetzt nicht so spektakulär, aber bislang hatte ich mir einfach nicht die Zeit genommen, meine Situation mal distanziert zu bewerten.

Mir ist klargeworden, dass mich die vielen Jahre Klettern perfekt auf meine Selbstständigkeit als Texter vorbereitet haben.

Sportklettern und Texten gehören locker zu den Top 6 Dingen in meinem Leben™ – neben meiner Familie, dem Podcasten und der unwiderstehlichen Lust, die Regeln solcher Toplisten zu brechen, indem ich mit konstruierten Begründungen mal mehr und mal weniger Punkte aufliste als ursprünglich angekündigt.

Hier schlägt vielleicht auch ein Wesenszug durch, der mir sowohl beim Schreiben als auch beim Klettern unheimlich weiterhilft: Ich sehe den Standardweg vor mir – und suche dann nach einer kreativen Lösung, um genau diesen nicht gehen zu müssen. Manchmal führt partout kein Pfad drumherum, und das ist vollkommen okay. Manchmal aber kann ich mit einer kreativen Boulderbewegung einen absurden Heelhook setzen und anschließend den Leser mit einer überraschenden Wendung geradezu hypnotisch an meinen Text fesseln.

 

Selbstständigkeit als Grenzerfahrung

Seit Jahren gehe ich – von ein paar Verletzungspausen einmal abgesehen – mindestens einmal die Woche in die Kletter- oder Boulderhalle. Diese Regelmäßigkeit hilft mir ungemein, gerade in schweren Routen einen kühlen Kopf zu bewahren. Genau diese Routiniertheit schlägt sich auch mehr und mehr in mein Berufsleben durch: Wenn ich mich in jeder Tour aufs Neue an die Grenze meiner Komfortzone herantaste und sie damit Stück für Stück verschiebe, macht mich das zu einem besseren Texter. Einem, der gelassen an Aufgaben herangehen kann. Einem, der sich nicht kopfüber in gefährliche Abenteuer stürzt. Einem, der ganz kalkuliert an seine Grenzen geht. Am liebsten sammle ich neue Erfahrungen knapp außerhalb meines Wohlfühlbereichs – genau an diesem idealen, süßen Punkt, an dem das Abenteuer schon anfängt, die Kontrolle aber noch nicht ganz aufhört. Dort sind meine Sinne am schärfsten, meine Kreativität am größten und meine Ergebnisse am besten.

Ich habe die vergangenen sechs Monate so viel Zeit am Rande (und knapp jenseits) meiner persönlichen Komfortzone verbracht wie vermutlich noch nie zuvor in meinem Leben – am Anfang hatte ich die Hosen aber ziemlich voll. Ich investierte extrem viel Zeit in die Vorbereitung, damit ich schließlich nicht ins kalte, sondern zumindest mal ins lauwarme Wasser springen konnte: Wie ich beim Klettern vor jeder Tour meine Ausrüstung checke, so habe ich vor dem Beginn meiner Selbstständigkeit mein Netzwerk überprüft. Habe Auftrage angebahnt. Habe mir eine Sicherungskette geschaffen, mit der mich ein Sturz vielleicht kurz bremsen, nicht aber ernsthaft zurückwerfen würde.

Dann bin ich losgeklettert. Ab ins Ungewisse! Mit vielen Interessen, vor allem aber mit jahrelang geschliffenen Fähigkeiten aus Ausbildung, Studium, Redaktion, Werbeagentur und Online-Marketing-Abteilung im Gepäck. Mit der Überzeugung, nein mit dem Wissen, dass ich das kann! Stets aber auch begleitet von der Angst, mich zu überschätzen. Mit genau dieser Geisteshaltung stehe ich jeden Morgen an meinem Schreibtisch – aber auch jede Woche aufs Neue am Fuß der Kletterwand: Ich weiß, was ich kann. Ich kenne meine Stärken, meine Schwächen und meinen Trainingsstand … und doch klettert ein bisschen Angst immer mit.

 

Das Ziel ist der Weg

Das vergangene halbe Jahr hat mir gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin: Ich bin an Grenzen gestoßen und habe sie millimeterweise verschoben. Ich habe Routen ausbaldowert, bevor ich mit viel Training und Entschlossenheit irgendwann die Crux gemeistert habe. Ich habe meiner Angst beigebracht, mich nicht zu lähmen – sondern mich anzuspornen, noch härter am perfekten Ergebnis zu arbeiten.

Am „Top“ oder am Gipfel bin ich noch lange nicht angekommen – und ich weiß auch gar nicht, ob ich da jemals wirklich hinwill. Denn für mich ist meine Selbstständigkeit wie das Klettern: Nicht das Ziel ist mein Ziel, sondern auf meinem Weg dorthin keine Fehler zu machen und möglichst viel Spaß zu haben. Zwar freue ich mich, wenn ich beim Schreiben auch irgendwann auch mal ankomme, aber mir liegt mehr daran, meine Reise möglichst interessant zu gestalten!

In diesem Sinne: Berg heil!