Die menschliche Psyche ist faszinierend: Ich verdiene Zeit meines Berufslebens – immerhin rund 13 Jahre – mein Geld mit Texten. Als Redakteur, als Werbetexter, als Online-Marketer und als freiberuflicher Texter. In all den Jahren habe ich so einiges an Zeichen in die Welt entlassen. (Dafür ließe sich sicher irgendein total beeindruckender „x-mal bis zum Mond und zurück“-Vergleich finden, den ich euch und mir an der Stelle aber erspare.) Trotz meiner gesammelten Erfahrung kommt es immer wieder vor, dass ich zweifle. An Projekten. An meinen Texten. An mir. Dabei weiß ich genau, dass ich qualifiziert bin, mehr als genug Praxiserfahrung vorzuweisen habe und durchaus kann, was von mir verlangt wird.

Dennoch schaffe ich es in solchen Momenten kaum, ein just abgeschlossenes Projekt an meine Kundin oder meinen Kunden zu senden: Mein Mauszeiger verharrt nervös zitternd über dem „Senden“-Knopf meines E-Mail-Programmfensters. Nur mit größter Mühe kann ich meinen Finger dazu bringen zu klicken. Schweiß perlt von meiner Stirn. Sofort nach dem Abschicken mache ich, was ich immer in einer solchen Situation mache: Ich fische die E-Mail noch einmal aus dem „Gesendet“-Ordner und lese alles Korrektur, was drinsteht – oder dranhängt. Weil ich unsicher bin. Weil ich mit meiner Arbeit unbedingt begeistern will. Weil die, die mich buchen, nichts weniger als den perfekten Text verdienen … und … oh mein Gott! Was hab ich denn da für einen Mumpitz geschrieben?! Das hätte ein einarmiger Affe mit einer kaputten Schreibmaschine ja noch besser hinbekommen!

Mir ist übel. Am liebsten würde ich der E-Mail hinterhertelefonieren und den Empfänger anbrüllen: „ÖFFNEN SIE BLOSS MEINE E-MAIL NICHT! BITTE SOFORT LÖSCHEN!“ Danach würde ich nochmal von vorne beginnen und solange schreiben, bis ich das nächste Mal an meinem inneren Nörgler scheitere …

Von Hochstaplern und Luftnummern

Ich habe gelernt, dass ich unter dem Hochstapler- oder Imposter-Syndrom leide. Eine psychische „Störung“, mit der das Gefühl einhergeht, nur aus Zufall dorthin geraten zu sein, wo ich mich beruflich aktuell befinde. Begleitet wird das von einer latenten Angst, irgendwann doch mal von jemandem als Hochstapler enttarnt zu werden. Ich bin eigentlich ja gar kein Texter; ich behaupte lediglich, einer zu sein.

„Hi, ich bin Jürgen und ich staple hoch. Mit Buchstaben.
Jürgen, der Buchstapler.“

Bücherstapel schwarz-weiß, gestapelt

Der Imposter in mir (nennen wir ihn der Einfachheit halber Hannes) ist manchmal schwer zu kontrollieren. Es hilft ein wenig, dass ich mich schon eingehender mit Hannes beschäftigt habe. Auch bin ich bei Weitem nicht der Einzige mit einem Hannes, auch wenn er bei Anderen vielleicht Hubert oder Ingo heißt. Viele Menschen leiden genau wie ich unter dieser merkwürdigen psychischen Unzulänglichkeit – und deshalb wundert es mich auch überhaupt nicht, dass viele davon ebenfalls einen ähnlichen beruflichen Weg einschlagen wie ich: Die Gefahr, als Hochstapler aufzufliegen, sank für mich ab dem Moment drastisch, ab dem kein Chef und keine Kollegen mehr am laufenden Band meine Arbeit nachkontrollierten. Sind also alle Hochstapler selbstständig? Und alle Selbstständigen Hochstapler? Die Vermutung liegt nahe, aber ich kann euch beruhigen: Das ist freilich Quark.

Wisst ihr was? Hannes und ich sind mittlerweile fast schon so etwas wie Freunde. Ich gebe ja gerne zu, dass er mir manchmal im Weg steht – aber genauso oft hilft er mir auch, das wirklich Beste aus mir herauszuholen. Ich bin zwar nie zu 100 Prozent mit meinen Leistungen zufrieden, jedoch weckt Hannes in mir stets den Ehrgeiz, wirklich alles zu geben. Jeden Tag dazuzulernen. Texte noch ein achtes, neuntes und zehntes Mal zu lesen, um Fehler zu eliminieren, hohle Phrasen rauszustreichen und Satzmelodien feinzuschleifen.

Ganz schön praktisch manchmal, so ein Hannes, findet ihr nicht?

Dunning und Kruger

Wer keinen Hannes hat, ist entweder langweilig normal – oder er beziehungsweise sie hat einen Dunning und einen Kruger. Diese beiden wohnen am anderen Ende der Selbsteinschätzungsskala. Also da wo sich die Menschen tummeln, die nichts können, aber sich darauf wahnsinnig viel einbilden! Oder, um es mit den Worten von Wikipedia zu sagen: „Als Dunning-Kruger-Effekt wird die systematische fehlerhafte Neigung relativ inkompetenter Menschen bezeichnet, das eigene Wissen und Können zu überschätzen und die Kompetenz anderer zu unterschätzen.“

Solche „relativ inkompetenten“ Menschen kennen wir alle, und manchmal hilft mir allein die virtuelle Gegenwart solcher Heißluftakrobaten, damit ich mich als Hochstapler etwas besser fühle. Manchmal verschwindet Hannes gar für einen Moment, wenn ich in einschlägigen Online-Foren und Netzwerk-Gruppen Beiträge von Textenden lese, die einen dreizeiligen Facebook-Post nicht fehlerfrei schreiben könnten, selbst wenn das Leben ihrer Großmutter davon abhinge.

Dunning-Kruger-Effekt, Graph

Insgeheim beneiden Hannes und ich diesen Schlag Mensch natürlich. Ja, wirklich! Ich wünschte, ich hätte auch hin und wieder den Mut zu derartigen Lücken. Das Selbstvertrauen, trotzdem die Brust stolz herauszustrecken. Soll ich euch ein wohlgehütetes Texter-Geheimnis verraten? Ja? Achtung, hier kommt’s: Nicht einmal die besten Texter liefern immer fehlerfreie Arbeit ab. Das ist nämlich schwer bis unmöglich – und viel zu lange dauern würde es auch. Die eigenen Texte zu lektorieren, ist aufgrund von Betriebsblindheit ein wahnsinniger Kraftakt; in fremden Texten hingegen finde ich einen Großteil der Fehler schon aus acht Metern Entfernung. Ohne Brille. Bei vollkommener Finsternis.

ZL;NG

Was ich damit sagen will: Hier und da mal einen Fehler zu machen, ist kaum zu vermeiden und auch vollkommen in Ordnung. Die wahren Qualitäten von Menschen erkennen wir ohnehin erst, wenn wir sie mit ihren Fehlern konfrontieren (Vorsicht dabei vor dem Gesetz von Muphry!): Dunning-Kruger-Typen können mit Fehlern nur sehr schlecht umgehen. Höchstwahrscheinlich fangen sie in einem solchen Fall an zu diskutieren und versuchen, mit „Schlechtes Briefing!“ oder „Nein, nein, das steht falsch im Duden!“ zu kontern. Ein Imposter hingegen wird seinen Fehler demütig eingestehen, außerdem sofort alles stehen und liegen lassen, um sich an die Korrektur zu machen – und für die Zukunft noch größere Anstrengungen versprechen.

Die Entscheidung, welchen Typ Mensch ihr lieber für eure Projekte bucht, überlasse ich euch.